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Warum diese Seite?

Wir sind Steuerfachleute. Aber wir haben auch noch ein Leben außerhalb des Büros von dem wir hier das ein oder andere erzählen wollen. Hier lernen Sie uns auch einmal von einer anderen Seite kennen. 

Unter "lesenswert" berichten wir regelmäßig über Bücher, die uns beeindruckt haben. Lesen ist eine wunderbare Gelegenheit Neues zu lernen, sich geistig weiter zu entfalten und sich verzaubern zu lassen.

Unter "Tagebuch" wollen wir von Gegebenheiten erzählen, die uns gerade beschäftigen.      

Nehmen Sie es als Anregung für sich mit.

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lesenswert: Robert Spaemann Meditationen

Wenn ich Spaemann lese, fühle ich mich fast hineingezogen in ein Zwiegespräch mit ihm, ich empfinde mich jedenfalls nicht wie ein Konsument fremder Gedanken. Diese Gabe, über ein Buch ein inneres Gespräch in Gang zu setzen, haben wenige Philosophen oder Theologen. Nicht mit jedem Autor würde ich mich als Leser gerne unterhalten – mit diesem Autor schon.

Sicher liegt das auch daran, dass Spaemann weitgehend auf professoralen Duktus oder fachtheologisches Vokabular verzichtet. Er spricht sozusagen als Wissender mit uns, als ein Wissender, dem zugleich völlig bewusst ist, wie wenig er eigentlich trotz seiner lebenslangen Beschäftigung mit den Grundfragen menschlichen Lebens, eigentlich versteht. Wenn man dieses souveräne Stadium des wissenden Nichtwissens erreicht hat, darf man vielleicht auch als ein Weiser gelten.

Spaemann verbindet immer wieder sein christliches Denken mit der antiken Philosophie. Auch diese Verknüpfung von Theologie und Philosophie ist heute selten. Und er ereifert sich nicht über dies und jenes, sondern stellt fest, stellt Verbindungen her und begründet philosophisch, was er zu den einzelnen Psalmen zu sagen hat. Immer ist er dem Hier und Jetzt im Leben zugewandt. Auch damit trifft er den Leser an der rechten Stelle.

Sicher fehlt es nicht an Wiederholungen, dies liegt aber in der Natur der Sache, also den zugrunde liegenden Psalmen 52-150.

Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht ist dies eher ein Buch für ältere Semester, die gelassener und reifer an das Leben gehen können, die die Mühen, Tod und Trauer, Arbeit und Freude, Böses und Gutes, kurz das Auf und Ab des Lebens, erfahren haben und es als Lebensschicksal anerkennen können. Und die trotzdem die Frage stellen: lieber Gott, danke für das Geschenk des Lebens, aber warum hast du all das Schreckliche und Böse zugelassen?

MK/Juni 2017

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lesenswert: Hürlimanns Nietzsche

 

Ergeht es Ihnen auch zuweilen so, dass ein einziger Gedanke oder Satz ausreicht, um einen großartig-schwierigen philosophischen Gedanken blitzartig zu begreifen? Ein Satz wiegt manchmal ganze Bibliotheken auf. So erging es mir in diesem Buch mit folgender Passage: der Autor schildert wie er im Mai des Jahres 1998 nachts einen furchtbaren Autounfall erlitt. „Ich gab auf, wankte zum nahen Friedhof und setzte mich an dessen Mauer zum Sterben hin ... Aber was ich jetzt erlebte, war nicht Angst, es war die pure Freude, eine absolute Hochstimmung, denn die Dinge luden sich auf, sie begannen zu leuchten und gewannen eine Prägnanz, wie ich sie noch nie gesehen hatte ... Ich berührte das taunasse Gras und fragte mich, warum ich nicht mein ganzes Leben auf einer Wiese verbracht hatte … die Dinge offenbaren sich … mein brechendes Auge und die Sterne und die Dinge sind nun eins und alles. Die Schöpfung nimmt mich auf, nimmt mich wahr, holt mich heim.“ 40

Allein in diesem einen Passus leuchtet auf, was Nietzsche mit seinem Denken wollte: die Aufhebung jeglicher Trennung, die dem lustvollen, nichts als sich selbst wollenden Leben abträglich war. Die Vernichtung der Trennung von Idee und Natur, Moral und Trieb, Sein und Nichts, überhaupt alles dessen, was man als sog. Überbau bezeichnen kann (Gott, Moral, Ideenwelt, christliche Moral, bürgerliche Zwänge). Dies alles sei Täuschung, Illusion und Wahn. Anstatt illusionären Wahrheiten nachzulaufen, solle man sich selber verwirklichen.

Nietzsche wollte also das volle Glück des Augenblicks, die wunderbare, uneingeschränkte Freude am Leben, das Eins-Sein mit allem anderen – wie der Autor oben schilderte, ist dieses volle Leben manchmal erst im Angesicht des Todes für Momente zu haben.

MK/August 2016

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lesenswert: Hermann Hesse und die Weltreligionen

 

 

Hermann Hesse hat, wie er schreibt, nie ohne Religion gelebt, obwohl er sein ganzes Leben lang ohne Kirche ausgekommen ist. Diese Bindung an eine bestimmte Religionsgemeinschaft ist ihm wohl durch das pietistische Elternhaus ausgetrieben worden. Aber verbindlich blieb ihm immer das von den Eltern vorgelebte Christentum der Tat, die praktizierte Nächstenliebe und Gewissensorientierung. Durch seine Reisen nach Fernost hat er auch u.a. den Buddhismus kennen und schätzen gelernt.

Das Buch von Volker Michels macht klar, worin Hesse das Religiöse im Menschen sah: es ist das Wissen um die Einheit des Lebendigen, das Empfinden, dass das eigene Leben Teil eines unlösbaren Ganzen ist, das Gefühl der Verantwortung für das Ganze und für die Vergänglichkeit des Menschen.  Glauben bedeutet, sich geborgen fühlen im Ganzen, sich nicht zu wichtig zu nehmen und Achtung und Ehrfurcht vor den Anderen zu haben, unabhängig von einer Religionsgemeinschaft. Das Böse dagegen entsteht für ihn immer dort, wo sich das Ich zu wichtig nimmt.

Neben dieser Achtung für das Ganze des Lebendigen, führt der Weg zu Gott nur über die Bindung ans eigene Herz und Gewissen. „Der Weg zur Erlösung führt nicht nach links und nicht nach rechts, er führt ins eigene Herz, dort allein ist Gott, dort ist Friede.“

Ein schönes, kleines Büchlein also, das uns konzentriert noch einmal Hesses damalige eigenwillige, heute aber wohl fast zum mainstream gehörende Einstellung zur Religion darstellt. Besonders in diesen Tagen des Terrors im Namen eines falsch verstandenen islamischen Glaubens sei der Text als Gegengift empfohlen.MK/August 2016

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lesenswert: Der Tod in Venedig von Thomas Mann

 

Wer kann heute beim Lesen dieser kleinen Erzählung ausblenden, dass Thomas Mann viel von sich in die Hauptfigur des Dr. Aschenbach hinein gelegt hat? Um nur zwei Punkte zu nennen: da ist zum einen die Sehnsucht sich von den Fesseln des Alltags zu befreien, das durstige Verlangen nach der Ferne, dem Neuen und Fremdartigen. Und zugleich die Angst, sich auf dies unbekannte Land einzulassen. Zum anderen lebt Thomas Mann in dieser Hauptfigur literarisch seine homoerotische Neigung aus, die er im Leben hinter seiner elegant-selbstbeherrschten, bürgerlich-würdigen Mauer verborgen hatte. Hier in dieser Geschichte darf er sich ungehemmt und exzessiv der rauschhaften, aber sehnsüchtig bleibenden Liebe zu einem wie es heißt „gottähnlich“-schönen 14 jährigen Knaben hingeben. Ein Zustand der blinden Raserei der selbstzerstörerisch sein kann und es in diesem Fall auch ist.

Aber interessant ist die Geschichte nicht wegen diesen autobiografischen Bezügen, sondern weil sie uns etwas über uns selbst erzählt. An der Hauptfigur spielt der Autor den Gegensatz von Ungebundenheit, Leidenschaft und rauschhaftem Zustand und unserer Rationalität und Gebundenheit in unseren Alltag durch. Es ist der Gegensatz zwischen einem Leben  „mit geschlossener Faust“, also angestrengt-zielorientiert oder einem Leben, das entspannt nimmt, was begegnet. Ein Leben freien Genießens und gelassenen Hinnehmens unseres Schicksals.
Als Dr. Aschenbach Venedig erreicht, macht er mit dieser Macht des Schicksals in Gestalt des venezianischen Gondelführers Bekanntschaft: „es war das Klügste, den Dingen ihren Lauf zu lassen.“

Schließlich lesen wir in diesem Buch auch über den Umgang mit dem Schönen. Genießen wir das Schöne einfach nur um seiner selbst willen oder werden wir hingeführt zu etwas anderem? Bedient sich Gott nicht der Schönheit, um uns das Geistige schmackhaft zu machen. Ist Schönheit nur ein Weg oder Werkzeug in eine unbegreifliche Sphäre des Geistigen? Ist sie vielleicht ein Schimmer einer ganz anderen, transzendenten Sphäre?

MK/August 2016

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lesenswert: Schachnovelle von Stefan Zweig

In dieser letzten meisterhaft ausgearbeiteten, reifen kleinen Novelle von Stefan Zweig geht es nur oberflächlich um ein Schachspiel zweier ungleicher Partner.
Kurz und knapp wird rückblickend das Leben der beiden Schachspieler beschrieben: der eine ein stumpfer, teilnahmsloser, kalter und dummer bäuerischer Mensch, der nur ein einziges Talent hat: er ist ein Schachgenie. Vielleicht lesen wir hier das, was Genies zu Genies macht: die ganze Breite der menschlichen Möglichkeiten konzentriert sich ganz auf ein einziges Talent und führt so zu einer seltsamen Tölpelhaftigkeit und Unbedarftheit im Leben.
Der andere Schachspieler ist ganz anders: ein gewandter, höflicher und gebildeter Mensch, der das Schachspielen in der Gestapohaft lediglich aus einer Not heraus lernte, um zu überleben. Diese Not entsprang der monatelangen Isolierhaft, also dem völligen Nichtstun, der zeitlichen Leere, dem Nichts. „Denn bekanntlich erzeugt kein Ding auf Erden einen solchen Druck auf die menschliche Seele wie das Nichts.“

An diesem Charakter beschreibt Zweig nicht weniger als das Charakteristische der Existenz menschlichen Lebens. Unser Leben ist ausgefüllt mit alltäglichem Tun. Warum? Vielleicht um der Leere, dem Nichts, dem Tod zu entgehen? Wir füllen unsere Zeit mit diesem und jenem, um nicht an dem Nichts zu verzweifeln; zu verzweifeln daran, dass mit dem Tode alles aus und vorbei und vielleicht umsonst gewesen ist. Und wir können es nicht ertragen, von jetzt auf gleich ruhig gestellt und jeder Tätigkeit enthoben zu sein.

Schach ist nur ein Spiel. Alles, was wir tun, ist ein Spiel, das mit dem Tod endet. Mit diesem werden unsere Figuren kalt vom Brett genommen und mit jeder Geburt wird der König, Bauer, Läufer etc. wieder aufgestellt für ein neues Spiel. Grund genug das was wir Tun nicht allzu Ernst zu nehmen, und zu einem Spiel gehört auch immer der andere. Wer nur mit sich selbst spielt verfehlt das Leben.

MK/Juli 2016

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lesenswert: Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest

Was ist überhaupt Kunst? Der Philosoph Gadamer beschreibt in diesem schönen Büchlein sehr komprimiert die Kernelemente von Kunst.

Da ist zum einen das Schöne. Mit Blick auf die Antike sieht Gadamer aber das Schöne immer im Verweis auf das Wahre. In Platons Dialog Phaidros etwa gibt es den Mythos, der in die Schwere des Irdischen gebannten Seele, die ihr Gefieder verloren hat, so dass sie nicht mehr zu der Höhe des Wahren sich aufschwingen kann. Es gibt aber auch die Erfahrung, bei der das Gefieder wieder zu wachsen beginnt und die Erhebung wieder eintritt. Das ist die Erfahrung der Liebe und des Schönen, der Liebe zum Schönen. Dank dem Schönen gelingt es auf die Dauer, sich an die wahre Welt wieder zu erinnern.
Das Wahre liegt nicht unerreichbar in der Ferne, sondern begegnet uns. Es ist die ontologische Funktion des Schönen, den Abgrund zwischen dem Idealen und dem Wirklichen zu schließen. Anders als in der Philosophie begegnet uns so im Schönen und in der Kunst eine über alles Begreifliche hinausgehende Bedeutsamkeit.

Neben dem Schönen und Wahren impliziert Kunst auch ein kommunikatives Tun. Gadamer erläutert dies am Begriff des Spiels. Als der Verstehende muss ich ein Kunstwerk identifizieren. Diese Identität macht den Werksinn aus. Etwas am Werk ist zu verstehen. Identität ist aber mit Variation und mit Differenz verknüpft, weil jedes Werk für jeden, der es aufnimmt, einen Spielraum, den er ausfüllen muss, lässt. Kunst bedarf also einer eigenen Aufbauleistung von uns. Es ist ein ständiges Mit-tätig-Sein zu der wir durch die Identität des Werkes eingeladen werden. Jeder Leser des Buches liest dieselben Sätze des Autors, jeder versteht sie aber auf seine Weise.

Was ist aber die Bedeutsamkeit, in der uns da etwas als bedeutsam erfahrbar wird?
Hier hilft uns so Gadamer der Begriff des Symbols. Die Bedeutsamkeit, die dem Schönen der Kunst anhaftet, verweist auf etwas, was nicht unmittelbar in dem sichtbaren Anblick liegt. Die Erfahrung des Schönen im Sinne der Kunst ist die Beschwörung einer möglichen heilen Ordnung. Im Symbolischen des Werkes begegnet uns aber immer ein Wechselspiel von Verweisung und Verbergung von Bedeutung. Das Kunstwerk gibt uns den Blick frei für eine Bedeutsamkeit und entzieht sich immer auch zugleich einer eindeutigen Bestimmtheit.

Und als letztes Kernelement schließlich begegnet uns im Kunstwerk eine eigentümliche Zeiterfahrung. Dies erläutert Gadamer am Beispiel des Festes. So wie das Fest seine eigene Zeit hat, so wie in ihr die verplante und berechnete Zeit angehalten und zum Verweilen gebracht wird, so ist auch die Beschäftigung mit dem Kunstwerk durch eine eigene Zeitlichkeit bestimmt. Je mehr wir uns verweilend auf das Kunstwerk einlassen, desto reicher erscheint es. „Das ist vielleicht die uns zugemessene endliche Entsprechung zu dem, was man Ewigkeit nennt.“

MK Juli 2016

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